2.2 LNG als Instrument der Versorgungs­sicherheit?

Der globale LNG-Markt

Die USA, Katar und Australien sind die größten Exporteure im globalen LNG-Markt. Darüber hinaus sind Russland und Algerien aufgrund ihrer geografischen Nähe für Europa bedeutsame Akteure unter den Lieferländern.

Neben Europa importieren vor allem Länder in Asien und Südamerika LNG. Japan und Südkorea importieren schon seit langer Zeit LNG. Inzwischen ist China der größte Abnehmer, während Indien, Pakistan und andere Länder ihre Importe stetig steigern.
Abbildung 13: Globale Verteilung der LNG-Exporte und -Importe 2024
AtlantikPazifikKatarTrinidad & TobagoMexikoKanadaBrasilienAlgerienAustralienChinaJapanUSAArgentinienChilePeruPapua NeuGuineaIndonesienThailandSüdkoreaIndienPakistanRusslandOmanrkeiIsraelLibyenEq. GuineaNigeriaGroßbritannienSpanienPortugalFrankreichItalienAngolaNorwegenMosambikMittlerer Osten
ABB 13: GIIGNL 2025 & Team Consult Analyse
Abbildung 14: Europäische LNG-Importe nach Lieferländern und lang- und kurzfristigen Verträgen in Mrd. Kubikmetern pro Jahr
0 20 40 60 80 100 120 140 160 180 20 2 1 2022 20 2 3 2024 2025 175 135 167 165 103
ABB 14: GIIGNL & Team Consult Analyse
Nach außergewöhnlich hohen LNG-Importen von über 160 Mrd. Kubikmetern Gas in den Jahren 2022 und 2023 sanken die LNG-Einfuhren nach Europa im Jahr 2024 wieder etwas auf ca. 135 Mrd. Kubikmeter Gas. Sie lagen damit aber immer noch deutlich über dem Vorkrisenniveau von gut 100 Mrd. Kubikmetern Gas. Im Jahr 2025 stiegen die Importe wieder um ca. 40 Mrd. Kubikmeter gegenüber dem Vorjahr und erreichten damit einen historischen Höchststand.
Die USA werden als LNG-Lieferant für Europa voraussichtlich noch wichtiger. Grund dafür sind das geplante Ende der LNG-Importe aus Russland sowie ein aktuell starker Kapazitätsausbau in den USA.
Abbildung 15: Kapazitätsentwicklung der drei großen Exporteure in Mrd. Kubikmetern pro Jahr
Katar
USA
Australien
Katar USA* Australien 120 1 2 1 128 128 2 0 18 2024 2026 2030 106 106 152 196 2 0 18 2024 2026 2030 54 1 4 7 182 435 2 0 18 2024 2026 2030 *basie r e n d auf B aseload Kapazitä t en
ABB 15: GIIGNL, EIA, Woodside Energy, Team Consult Analyse
Neben den USA baut auch Katar seine Verflüssigungskapazitäten erheblich aus, während Australiens Exportkapazität bis 2030 weitgehend unverändert bleiben wird. In Katar jedoch gefährden der Irankrieg, die dadurch entstandenen Schäden an LNG-Produktionsanlagen sowie die weitgehende Sperrung der Straße von Hormus für den Schiffsverkehr jedoch nicht nur den Kapazitätsausbau (vor allem im Hinblick auf den Zeitpunkt der Fertigstellung), sondern vorerst auch den Betrieb bestehender LNG-Produktionsanlagen.

Voraussetzung für künftige LNG-Lieferungen nach Europa sind nicht nur ausreichende weltweite LNG-Produktionskapazitäten (sowie eine hinreichende globale Verflüssigungskapazität), sondern auch eine entsprechend große LNG-Tankerflotte.
Abbildung 16: Entwicklung der globalen Flotte an LNG-Tankern
*Zu b erüc k sichtigen si n d zudem Auße r diensts t ellung v on al t en T a n k ern 602 635 696 7 8 1 76 206 1063* 2022 20 2 3 2024 2025 Li e f erung 2026 Zusätzlic h e s Auft r a g sbuch Sum m e
ABB 16: GIIGNL 2025
Es ist davon auszugehen, dass die Flotte an LNG-Tankern in den nächsten Jahren von unter 800 auf über 1.000 Schiffe anwachsen und dadurch ein deutliches Wachstum des LNG-Markts ermöglichen wird, ohne dass es bei der Transportkapazität zu Engpässen kommt.

Neben den Verflüssigungs- und Transportkapazitäten bestimmen auch bestehende LNG-Verträge, wieviel LNG künftig für Europa zur Verfügung steht.

Mengen, für die bereits langfristige Lieferverträge nach Europa geschlossen wurden, können als gesichert gelten. Dagegen sind Mengen, die durch langfristige Verträge an andere Regionen gebunden sind, für Europa nicht zugänglich.

Vertraglich ungebundene Mengen lassen sich über kurzfristige Verträge (Spot-Lieferungen) nach Europa, aber auch in andere Regionen liefern. Hier konkurrieren Abnehmer um die verfügbaren Ressourcen.
Abbildung 17: Weltweite Verflüssigungskapazitäten und vertraglich gebundene Mengen im Jahr 2026
USA Australien K a tar Ru s sla n d Mal a y sia Algerien I n do n e sien Nigeria A n de r e 0 500 1000 1500 2000 2500
ABB 17: Hendrik Diers/Ann-Kathrin Klaas, Ausblick auf den europäischen Gasmarkt im Jahr 2026.
Niedrige Speicherfüllstände erhöhen die Abhängigkeit von LNG-Importen.
EWI-Analyse, 28.01.2026, S. 11
Die in der Abbildung dargestellten, vertraglich gebundenen Mengen für Europa ließen sich durch den Abschluss weiterer Langfristverträge erhöhen. SEFE beispielsweise plant, demnächst Ausschreibungen für LNG-Lieferungen im Zeitraum 2027 bis 2036 durchzuführen. Ein Teil der vertraglich an Portfolioplayer gebundenen Mengen ist noch nicht fest weitervermarktet und steht daher teilweise für Spot-Lieferungen – und damit grundsätzlich auch für Europa – zur Verfügung. Im Prinzip können nicht vertraglich gebundene Mengen (freie Kapazitäten) unter Spot-Verträgen in alle Zielmärkte, einschließlich Europa, fließen.

Aus der dargestellten Vertragssituation und den geografischen Gegebenheiten folgt, dass die USA für Europa eine Schlüsselrolle einnehmen, vor allem im Hinblick auf zusätzliche Lieferungen. Australien liefert aufgrund der Entfernung LNG vorwiegend nach Asien. Russland fällt als LNG-Lieferant für die EU auf absehbare Zeit weg, und die katarischen Mengen sind bereits vertraglich gebunden. Zudem bleiben sie, wie oben erwähnt, durch den Iran-Krieg vorerst unsicher.


Reaktionsgeschwindigkeit einer LNG-basierten Versorgung

Die Versorgung mit LNG erfordert Planung, da vertragliche Fristen und die LNG-Logistikkette bestimmen, wie lange es dauert, ein gefördertes Gasmolekül vom Produktions- zum Verbrauchsort zu bringen.

Ausschlaggebend ist insbesondere die Dauer des Schiffstransports vom Verflüssigungs- zum Regasifizierungsterminal. Die folgende Abbildung zeigt die Transportzeiten von wichtigen LNG-Ursprungsorten an einen Referenzlieferort in Nordwesteuropa. Da ein LNG-Tanker beim Ablegen sein Fahrtziel kennen muss, ergibt sich aus den Fahrtzeiten ein Mindestvorlauf. Für die hauptsächlichen Lieferanten der EU liegt er bei bis zu 16 Tagen.
Abbildung 18: LNG-Lieferrouten und Fahrtzeiten nach Nordwesteuropa
ABB 18: Team Consult Analyse
Die LNG-Vermarktung beginnt meist früher, sobald der Verkäufer das Datum für die Beladung des Tankers am Verflüssigungsterminal erfährt. Das sind mehrere Tage vor der Abfahrt vom Verflüssigungs- zum Regasifizierungsterminal, da der Tanker zunächst zum Verflüssigungsterminal gebracht werden muss und die Beladung selbst ebenfalls Zeit in Anspruch nimmt.

Die Vorlaufzeit für die Vermarktung von Spot-Lieferungen liegt in der Regel bei zwei bis sechs Wochen.

Kürzere Vorlaufzeiten können auftreten, wenn ein Tanker kurzfristig umgeleitet wird – z. B. aufgrund veränderter Marktumstände. Das geschieht, wenn ein hoher Zusatzerlös eine mögliche Vertragsstrafe für den Ausfall einer bereits zugesagten Lieferung übersteigt oder eine „Cancellation Option“ im Liefervertrag greift. Solche kurzfristigen Umleitungen bereits zugesagter Lieferungen sind im LNG-Geschäft jedoch selten. Sie treten meist bei plötzlichen, starken Veränderungen der Marktumstände und dadurch bedingten Preisschwankungen im Spot-Handel auf – wie in der Krise von 2022 oder nach dem Ausfall der katarischen LNG-Mengen im ersten Halbjahr 2026 infolge des Irankriegs.


Preise im globalen LNG-Markt

Die Preise im globalen LNG-Handel unterscheiden sich je nach Vertragsart. Die Preisregelungen in langfristigen LNG-Lieferverträgen sind sehr heterogen und zumeist über Preisformeln an Referenzmärkte (wie z. B. Erdgashandelsmärkte in Europa oder Nordamerika oder Ölpreise vornehmlich in Asien) indexiert. Im Spot-Handel dagegen sind die Preise homogener. Die wachsende Bedeutung von LNG und insbesondere des Spot-Handels hat in den letzten Jahren zu einer Konvergenz von Preisen in verschiedenen Erdgas-Handelsmärkten und im LNG-Handel geführt.

Handelsmärkte für Erdgas gibt es u. a. in der EU in verschiedenen Marktgebieten sowie in Nordamerika. Der, gemessen am Handelsvolumen, größte Handelsplatz Nordamerikas ist der Henry Hub an der US-Golfküste (Golf von Mexiko). In der EU und am Henry Hub wird gasförmiges Erdgas gehandelt.
 
Es existiert zudem ein Spot-Handelsmarkt für LNG, der jedoch nicht an bestimmte Regionen gebunden ist. Preisagenturen veröffentlichen dafür Referenzpreise, etwa den Japan-Korea-Marker (JKM) von S&P Global Platts für den fernöstlichen Raum.
Vor der Versorgungskrise 2022 lag der JKM-Preis in der Regel deutlich über den Handelspreisen in Europa, während die Preise am Henry Hub sowohl unter dem JKM als auch niederländischen TTF lagen.
Abbildung 19: JKM-Preismarker vs. TTF, 2020-2026
0 50 100 150 200 250 300 350 Januar 2020 Juli 2020 Januar 20 2 1 Juli 20 2 1 Januar 2022 Juli 2022 Juli 2022 Januar 20 2 3 Juli 20 2 3 Januar 2024 Juli 2024 Januar 2025 Juli 2025 Januar 2026 Januar 2020 Juli 2020 Januar 20 2 1 Juli 20 2 1 Januar 2022 Januar 20 2 3 Juli 20 2 3 Januar 2024 Juli 2024 Januar 2025 Juli 2025 Januar 2026 -120 -100 -80 -60 -40 -20 0 20 40 60 Pl a tts-JKM-LN G -Mar k er v s. TTF Sp r e ad Pl a tts-JKM-LN G -Mar k er v s. TTF
ABB 19: Team Consult Analyse, Investing.com basierend auf S&P Global Daten, ECB, EEX
In der Versorgungskrise 2022 änderte sich das Verhältnis zwischen europäischen Handelspreisen und dem JKM und die europäischen Handelspreise lagen zum Teil deutlich über den JKM-Preisen. In den letzten Jahren haben sich JKM-Preise und europäische Hub-Preise wieder angenähert, wobei der JKM-Preis meist etwas höher liegt, zuweilen aber auch der europäische Handelspreis.